Into the wild auf dem Stampede Trail

Die Geschichte von Christopher McCandless‘ Reise über den Stampede Trail in Alaska und seinen mehrmonatigen Aufenthalt in einem verlassenen Bus in der Wildnis in der Nähe des Denali National Park hat Hunderte von Natursehnsüchtigen in ihren Bann gezogen und zur Nachahmung veranlasst. Das NZZ Folio veröffentlichte im August 2014 eine Reportage über diesen Wildnispfad und über eine junge Frau, die im August 2010 in den reissenden Fluten des Teklanika River ums Leben gekommen war [1].

Christopher McCandless, geboren 1968, verlässt 1990 nach einem erfolgreichen Universitätsabschluss im Alter von 22 Jahren sein Elternhaus, lässt sein Auto irgendwo stehen, verschenkt sein kleines für das weitere Studium vorgesehene Vermögen, sagt sich von allen zivilisatorischen Erleichterungen los und begibt sich als Aussteiger auf eine Reise in die ungewisse Freiheit. Er reist dabei von Virginia bis nach Mexiko, arbeitet in Hilfsjobs für seinen Lebensunterhalt, reist schliesslich zurück in den Norden bis nach Alaska, wo er im April 1992 am Fuss des Mt. McKinley auf dem Stampede Trail das ultimative Naturerlebnis in der unberührten Wildnis weit weg von der Zivilisation sucht. Er lebt für 4 Monate in einem verlassenen Bus und ernährt sich von Pflanzen, kleinen Wildtieren und Vögeln. Nachdem die Lebensmittelsituation schwierig wird (er hat nur ein paar Kilo Reis als Grundnahrungsmittel mitgenommen), beschliesst er auf dem Trail zurückzugehen; aber der im Sommer durch die Schneeschmelze stark angeschwollene Teklanika River verunmöglicht ihm die Rückkehr. Er bleibt deshalb für ein paar weitere Wochen in seinem Bus und stirbt schliesslich im August 1992 an Entkräftung, Hunger und Krankheit in der Wildnis. Welche Umstände genau zu seinem Tod geführt haben, wird bis heute kontrovers diskutiert (siehe unten).

Bereits im Januar 1993 beschreibt der Autor Jon Krakauer im Magazin Outside die Reise ins Ungewisse (‚auf der Suche nach dem Sinn des Lebens‘) und McCandless‘ Tod nach 4 Monaten [2]. Krakauer beschäftigt sich daraufhin für längere Zeit intensiv mit dem Schicksal von McCandless und veröffentlicht 1996 das Buch „Into the wild“ [3], das Christopher McCandless Alaska-Odyssee auf dem Hintergrund von dessen Tagebucheinträgen und Fotos detailliert beschreibt und Hypothesen über seinen Alltag in der Wildnis, aber auch über mögliche Todesursachen aufstellt. Into-the-wild

Krakauers Buch bildet die Vorlage für den gleichnamigen Film von Sean Penn im Jahr 2007. Ein poetischer und romantischer Film [4] im Hollywood-Stil, nichtsdestoweniger sehr sehenswert. Buch und Film stilisieren McCandless zur Kultfigur, er ist der heroische Aussteiger, der die Konformitätszwänge und den Materialismus des Alltags hinter sich lässt und das ‚wahre Leben‘ sucht. Zur gleichen Zeit beschäftigt sich auch der unabhängige Filmemacher Ron Lamothe mit der Geschichte von McCandless und verarbeitet sie in einem Dokumentarfilm: „The Call of the Wild“ [5].

Im September 2013 veröffentlicht das Magazin The New Yorker einen Artikel von Jon Krakauer („How Chris McCandless Died“), in dem dieser neue Erkenntnisse zu den Todesursachen von Christopher McCandless darlegt, nachdem die Darstellung der Ereignisse in seinem Buch von 1996 von manchen Kritikern in Zweifel gezogen wurde [6]. Krakauer bezieht sich dabei auf einen im Dezember 2012 erschienenen Internetartikel von Ronald Hamilton, der die von McCandless im Tagebuch beschriebenen Symptome vor seinem Tod dem Krankheitsbild des Lathyrismus zuschreibt [7]. Hamilton stützt sich auf ihm bekannte Informationen aus dem zweiten Weltkrieg (Lathyrimus: Chronische neurologische Erkrankung durch den Genuss von Mehl der Saat-Platterbse).

Der Artikel im NZZ Folio vom August 2014 beschreibt das Phänomen Stampede Trail und die Faszination der Wildnis auf mehreren Ebenen: Die Autorin begleitet den überlebenden Reisegefährten der im Jahr 2010 verunglückten jungen Frau auf den Stampede Trail bis zur Unglücksstelle. Die aktuelle Reise geschieht also auf den Erinnerungsspuren der Reise der beiden jungen Leute, die ihrerseits auf dem Muster der Reisen auf den Spuren des legendären Christopher McCandless beruht [1].

Mittlerweile gibt es mehrere Internetseiten, sie sich mit McCandless und mit dem Stampede Trail beschäftigen, einerseits im Sinne eines Nachdenkens über die Person McCandless und die Faszination, die von ihm ausgeht [8], und andererseits mit praktischen Ratschlägen für künftige Hiker [9]: Wie lang ist der Trail? Wie teilt man sich die Etappen am besten ein? Wie überquert man am besten die Flüsse und wie verhält man sich, wenn man plötzlich einem Bären gegenübersteht?

Der Magic Bus hat in all den Jahren nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Die Person Chris McCandless spaltet die Leserinnen und Leser in zwei Lager. Während die einen McCandless für seine kompromisslose und waghalsige Suche nach dem authentischen Leben bewundern, verurteilen ihn die andern als kurzsichtigen, arroganten und ignoranten Chaoten und damit Krakauers Buch als Glorifizierung eines sinnlosen Todes (Krakauer, 2013).

[1] Koch, Carole (2014). Schön gefährlich. NZZ Folio (Nr. 277, August 2014), 32–35. Zugriff am 19.08.2014. Verfügbar unter http://folio.nzz.ch/2014/august/schoen-gefaehrlich

[2] Krakauer, Jon (1993). Lost in the Wild. Dead of an Innocent. Outside (January 1993). Zugriff am 19.08.2014. Verfügbar unter http://www.outsideonline.com/outdoor-adventure/Death-of-an-Innocent.html

[3] Krakauer, Jon (1996). Into the wild. London: Pan Macmillan.

[4] Into the Wild – Der Film: http://de.wikipedia.org/wiki/Into_the_Wild

[5] Ron Lamothe – The Call of the Wild: http://www.tifilms.com/wild/call_intro.htm

[6] Krakauer, J (2013). How Chris McCandless Died. The New Yorker (September 12, 2013). Zugriff am 19.08.2014. Verfügbar unter http://www.newyorker.com/books/page-turner/how-chris-mccandless-died

[7] Theory on Chris McCandless’ death – Ronald Hamilton
http://www.christophermccandless.info/Ronald-Hamilton/ronald-hamilton-intothewild1.html

[8] http://www.christophermccandless.info

[9] http://www.stampedetrail.info/

Weitere Quellen siehe http://en.wikipedia.org/wiki/Christopher_McCandless und weitere Wikipedia-Artikel.

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